Die Ruhe vor dem Ansturm
Wir nehmen euch mit auf einen herrlichen Platz neben dem Fluss Guatape auf einer großen Wiese oder besser ausgedrückt Weide. Zwischen Kühen und Fladen finden wir einen ebenen Platz. Plötzlich, am Abend wackelt unsere Emma. Was ist los? Ein Erdbeben? Oh nein, Kühe kratzen sich am Nummernschild, an den Scheinwerfern und Andy versucht sie zu vertreiben durch Händeklatschen, sonst haben wir noch defekte Teile. Eine Kuh legt auch ein Gewicht von 600 kg auf die Waage.
Wir erkunden wieder einmal die Umgebung und finden ein kleines Fitnessprogramm. Eine Bergstrecke, die wir jedes Mal verlängern können. Dabei entdecken wir herrliche Vögel und Blüten, u.a. Anden- Bartvogel, Sommertangare und Orchideen. Wir beginnen mit 6 km steigern es bis 10 km. Am Freitagabend beginnt es zu regnen und flugs sind wir eingekreist von Campern. Eine Familie mussten wir daran erinnern, dass wir noch von unserer Treppe hinabsteigen müssen, sie hätten doch glatt ihr Zelt direkt vor der Treppe platziert. Montag ist Feiertag und wir ertragen stoisch den Rauch des nassen Feuerholzes, die lauten Gespräche direkt unter unseren Fenstern und die unterschiedlichen Musikrichtungen aus imposanten Boxen. Flucht ausgeschlossen, denn wir sind umzingelt. Wir gönnen uns dafür jeden Tag eine 2-3 stündige Wanderung in der absoluten Stille. Auch der Aufstieg bis 500 m Höhe hat der Fitness gutgetan. Nun sind wir wieder alleine und genießen nur das Rauschen des Flusses und die anschließenden Regentropfen.






Spontane Planänderung
Die Fahrt geht weiter Richtung Jardin, in einen touristischen Ort der „Garten“ heißt. Dort kann man anscheinend das Andenhuhn sehen. Wir kommen an Andes vorbei und entdecken einen freien LKW Waschplatz. Endlich wird das Salz auf und unter der Emma beseitigt. Während wir Warten kommt ein Einheimischer und empfiehlt uns einen 3-stufigen Wasserfall in Tapartes Andes.


Wir sind ja spontan und entscheiden uns mit der blitzsauberen Emma dorthin zu fahren. Das Navi leitet uns allerdings in eine Sackgasse, wir kommen definitiv nicht über diese schmale Brücke über den Fluss Tapartes. Wir steigen aus und suchen zu Fuß einen möglichen Übernachtungsplatz. Kaum 200m weiter sehen wir eine geeignete Erhebung. Wir fragen die Nachbarn, sie rufen den Patron an und wir bekommen freundlicherweise die Erlaubnis. Das rückwärts den Hang hinauffahren auf die ebene Fläche bringt die Emma ziemlich ins Schnaufen, Rauchen und Schwanken (ich dachte schon, sie fällt um). Beim zweiten Anlauf klappt es dann mit Sperren im Getriebe. Wir stehen gut, sehr ruhig inmitten von Kaffeeplantagen, mitten im Kaffeeanbauland.




Auf dem Weg zum Wasserfall Chorros de Taparto – wir gegen die Schwerkraft
Am nächsten Morgen, nach einer regenreichen Nacht, starten wir unsere Wanderung zum Wasserfall Taparto im grünen satten Nirgendwo Kolumbiens. Die Luft ist angenehm, Wolken hängen über den Bergen und alles um uns herum schreit förmlich: „Willkommen im Kaffeeland – viel Spaß beim Schwitzen!“
Der Weg beginnt harmlos. Wirklich. Ein bisschen ansteigend, ein bisschen steinig – wir fühlen uns fit, dynamisch.
Fünfzehn Minuten später: Wir schnaufen hörbar. dreißig Minuten später: Wir hinterfragen unsere Entscheidung, denn wir hätten über einen 30-minütigen Umweg auch hochfahren können.
Der Aufstieg von 500 Meter bedeutet in der Realität: Steile Pfade, rutschige Erde, Steine und Wurzeln, die genau dort liegen, wo man sie nicht braucht.
Wir gehen in unserem neuen Wanderrhythmus: 50 Schritte – Pause – tief durchatmen – weiter geht`s. Unterwegs begleitet uns eine Geräuschkulisse wie aus einem Naturfilm: Zirpende Insekten, raschelnde Blätter, Gezwitscher unterschiedlichster Vögel, das Rauschen des Flusses und wir mittendrin, leicht außer Atem, aber zufrieden. Dann können wir einen beeindruckenden Geräuschpegel von fallendem Wasser hören. Noch ein letztes Mal geht es sehr steil bergauf. Das ist dann nochmals ein Kampf gegen die Schwerkraft und die Schrittgeschwindigkeit fällt rapide.



Der Wasserfall Chorros de Taparto – wow, einfach wow
Wir stehen vor dem Wasserfall Chorros de Taparto auf 1850 Metern – und vergessen sofort, dass wir gerade noch geschnauft haben wie eine alte Dampflok.
Das Wasser stürzt unüberhörbar kraftvoll 100 Meter über drei Stufen in die Tiefe. Umgeben von dichtem Grün, moosbewachsenen Felsen und nur von Naturtönen umgeben.
Feiner Sprühnebel liegt in der Luft, angenehm kühl auf der Haut – unsere persönliche Belohnung nach dem Aufstieg. Wir genießen den Anblick des Taparto. Leider sind das angefangene Bauwerk und die aufgehäuften Baumaterialien an unserem Aussichtspunkt ein Dorn im Auge. Unverständlich für uns, warum nun alles brach liegt. Vielleicht verirren sich zu wenig Menschen in diese Höhe, denn es ist ein anspruchsvoller Aufstieg. Wir haben auch nur durch einen Tipp hierhergefunden.
Der Rückweg geht schneller, es geht bergab, viel angenehmer und an manchen Passagen wundern wir uns über uns selbst, dass wir das geschafft haben.

Oh Schreck, der Strom ist weg Eigentlich wollen wir noch eine Wanderung in der Umgebung unternehmen, doch das Display zeigt uns nur noch 18 % Batteriekapazität. Alarm – erst einmal alle Stromfresser ausschalten, auch den Kühlschrank. Dann wird alles auseinandergebaut, denn die Batterien sind unter unserem Tisch im Essbereich untergebracht. Beim Nachmessen der Batteriespannung stellen wir fest, sie sind noch nicht ganz so schlecht. Doch eben schon 9 Jahre alt und höchste Zeit ausgetauscht zu werden. Keine Wanderung, sondern Fahren, da lädt sie sich wieder auf. Andes ist unser Ziel und genau da versuchen wir mit neuen Batterien unser Glück. Zum Glück lädt sie sich auch durch Solar langsam auf, doch so ein Zusammenbruch kann jederzeit wieder geschehen.


Neue Batterien?
Vorrätig haben sie die Batterien leider nicht und auch nicht in der Höhe der Ampere-Stunden (Leistung). Es gibt noch einige Fragen zu klären und wir tauschen mit der Chefin die Nummern aus. Da es Samstagnachmittag ist müssen wir das Wochenende abwarten und am Montag bestellen wir dann von der Leistung kleinere Batterien (leider). Es gibt keine anderen Autobatterien in Kolumbien die in Frage kämen. Am Dienstag sind sie schon aus Medellin da und wir fahren nochmals nach Andes. Die kaputten dürfen wir dalassen und alles wird sofort eingebaut, nur die Bodenplatte passt nicht über die Anschlüsse. Es ist wie verhext, die Maße haben zwar mit unseren übereingestimmt, doch das war auch nur im Internet zu lesen.
Also muss Andy von der Unterseite der Bodenplatte 1,5 cm abtragen: Handsäge, Taschenmesser, Schraubenzieher und Hammer kommen zum Einsatz. Nach über einer Stunde passt sich die Bodenplatte endlich an. Was für eine schweißtreibende Arbeit. Doch die Batterien bringen ihre Leistung und wir sind erleichtert.


Wir kehren zu unserem ruhigen und kühlerem Campingplatz in Jardin auf 1814 m Höhe, dem Ecoexplora, zurück. Es gibt hier in der Umgebung sehr viel zu entdecken. Wir beschließen, die Osterfeiertage hier zu verbringen.




Der steile Weg zum Himmel (oder zumindest fast)
Unser erstes Ziel: Christo Rey. Klingt friedlich. Ist es auch… theoretisch. Praktisch bedeutet es: Steil. Sehr steil.
Wir laufen los, motiviert und dynamisch– also für ungefähr die ersten 10 Minuten. Dann beginnt der Aufstieg ernst zu werden. Der schmale Erdweg windet sich nach oben, als hätte er es sehr eilig hochzukommen. Unsere Beine melden sich zu Wort, die Lunge diskutiert mit und der Schweiß ist allgegenwärtig.
Aber: Jeder Schritt lohnt sich. Denn oben angekommen stehen wir vor der Christus- Statue und schauen über die Hügel, die sich wie Wellen durch die Landschaft ziehen. Der Blick auf ganz Jardin ist so schön, dass wir die Anstrengung des Aufstiegs schon gleich wieder vergessen. Zudem gönnen wir uns eine Arepa mit Käse und Creme und ein erfrischendes Getränk. Den Ab- und Aufstieg bekommen wir dann gestärkt auch wieder gut hin.




Der heimliche Star im Jardin de Rocas
Nach einer Pause in unserer Emma machen wir uns auf in den Jardin de Rocas. In Jardin gibt es keinen ebenen Weg und wieder werden die Muskeln der Beine beansprucht. Nun stehen wir inmitten des herrlich angelegten und blühenden Gartens und sehen sie gleich: Die legendären Andenhühner. Offiziell heißt es Andenfelsenhahn, doch wir finden „Andenhuhn“ einfach sympathischer.
Direkt vor uns im Baum sehen wir ihn. Knallrot. Wirklich knallrot. So rot, dass jedes Feuerwehrauto neidisch werden würde. Mit dieser verrückten, halbkreisförmigen Haube sieht er aus, als hätte er morgens zu viel Zeit vor dem Spiegel verbracht.
Wir haben Glück, es kommen immer mehr Andenhühner bis wir zum Schluss an die 15 rote und kreischende Andenhühner zählen. Und dann beginnt das Balzspektakel. Die Männchen hüpfen, drehen sich, machen Geräusche, die irgendwo zwischen Quietschen und futuristischem Laserschwert liegen. Kurz gesagt: Sie geben alles.
Und wir auch – zumindest beim Beobachten.
Dieses Huhn fühlt sich hier sehr wohl. Feuchte Schluchten, dichter Wald Felsen – genau das, was es liebt. Hier kann es sich verstecken, präsentieren und gleichzeitig sicher fühlen. Doch heute sind sie sowas von im Präsentieren. Sogar nur eine Armeslänge weit platzieren sie sich und beäugen die auf sie gerichteten Linsen und Handys wie Stars und drehen die Köpfe um auch uns genau zu beäugen. Und wir dürfen einfach zuschauen, denn bei der Balzshow vergessen sie alles.
Fazit: Mehr als nur ein „Huhn“
Dieses „Huhn“ ist eigentlich ein Superstar. Einer, der keinen roten Teppich braucht, weil er selbst schon aussieht wie einer. Also wir vergessen so ein Andenhuhn nicht so schnell!



Die Höhle der Fledermäuse – von Gold und Flügeln
Jetzt wird’s spannend. Unser nächstes Ziel ist die berühmte Höhle, die viele einfach nur „Cueva de los Murcielagos“ nennen. Früher war sie tatsächlich eine Mine – hier wurde Gold abgebaut. Ja, echtes Gold. Kein Wunder also, dass die Menschen damals bereit waren, sich in diese dunklen Tiefen zu wagen. Heute gehört die Höhle aber jemand anderem: den Fledermäusen.
Wir betreten den Eingang. Es ist kühl, feucht und unheimlich dunkel – genau so, wie man sich eine Höhle vorstellt. Schon fliegen einige Fledermäuse über unsere Köpfe hinweg, so nah, dass wir befürchten, sie streifen unsere Haare. Dann hören wir sie auch: Leises Rascheln, Flattern, ein Geräusch wie ein geheimer Chor der Nacht. Über uns hängen sie. Hunderte, Vielleicht Tausende doch auch Einzeln verteilt. Kleine Gänge mit Blick nach außen und ein Ausgang zu einem Wasserfall bieten uns ein paar Lichtquellen und die Verbindung nach außen. Schön ist der Perspektivenwechsel, der sich hier vollzogen hat. Früher stand der materielle Reichtum im Vordergrund – heute ist es ein kleines Naturerlebnis, das mindestens genauso wertvoll ist.


Am Ende des Tages sitzen wir wieder auf dem Platz vor der Kirche in Jardin, mit müden Beinen, staubigen Schuhen und einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Wir haben bei den 3 bisherigen Ausflügen gelernt, dass ein „kleiner Aufstieg“ in Kolumbien/ Jardin nie wirklich klein ist. Doch trotz der Auf- und Abstiege hat uns Jardin verzaubert. Die Farben in dieser Stadt leuchten, alles lebt und pulsiert – und mittendrin thront sie: die beeindruckende Basilica Menor de la Inmaculada Concepcion. Eine Kirche wie aus einem Bilderbuch, nur mit deutlich mehr Selfie -Sticks davor.
Der Platz vor der Kirche? Sagen wir mal so: Wenn Ameisen irgendwann beschließen Urlaub zu machen, dann vermutlich hier. Menschen sitzen stehen, laufen, essen, trinken, lachen und kippeln – und wir mittendrin, leicht überfordert und gleichzeitig bestens unterhalten. Pferde trotten vorbei, Cafes sind bis auf den letzten Stuhl besetzt und wir fragen uns kurz, ob hier eigentlich jemals jemand allein ist, Antwort: Nein. Und das ist auch gut so.
Gehen wir mal näher auf die Stühle ein. Diese typischen, bunten Cafestühle rund um den Platz von Jardin, die offenbar ein Eigenleben führen. Ob jung oder alt, sie wippen völlig entspannt. Ein älterer Herr lehnt sich so weit zurück, dass wir innerlich schon den dramatischen Sturz in Zeitlupe sehen…aber nichts passiert. Absolute Kontrolle. Profi. Stellt euch das mal in Deutschland vor.









Ein Wasserfall besonderer Art
Wir buchen eine Tour für morgen zur Cueva del Esplendor. Um 10:00 Uhr geht es los. Wir sind auf der Pritsche zu neunt und werden auf einer sehr rumpeligen Piste ca. 30-40 Minuten lang durchgeschüttelt. Danach müssen wir unsere Organe zurechtrücken😉. Wir bekommen eine Stärkung: Empanadas und Arepa mit Schafskäse und ein Zuckerrohrtee. Gestärkt laufen wir los, 500 Meter fast nur abwärts. Im Kopf sehr realistisch: Das müssen wir auch wieder hoch. Es ist sehr eng, steinig, rutschig und andere Gruppen kommen uns entgegen.
Doch dann erreichen wir die Höhle – und wir sind beeindruckt. Ein Wasserfall stürzt durch ein Loch in der Decke direkt in die Höhle hinein. Das Sonnenlicht zaubert noch eine Mystik, die Willigen in der Gruppe springen ins Wasser und alle betrachten gebannt dieses besondere Naturwerk. Wahnsinn, dass ein Wasserfall immer noch eins oben draufsetzen kann.
Am Ende des Tages sitzen wir wieder auf dem vollen Platz vor der Kirche, gönnen uns etwas Kaltes und schauen dem bunten, kippelndem Treiben zu. Und wir wissen: Jardin ist nicht einfach nur ein Ort. Es ist ein Erlebnis – laut, lebendig, ein bisschen verrückt und absolut liebenswert.





Eine Kiste am Seil
Heute wandern wir eine Strecke gleich neben dem Campingplatz und steil hinab zum Bach, über die Brücke und wieder steil hinauf in die Höhe. Dann entdecken wir das Schild „La Garrucha“. Das ist doch eine Idee, mit dieser Seilbahn, die wie ein Tierkäfig aussieht in die Stadt zu kommen. Wir wollten dieses urige Gefährt eh mal testen. Eine Seilbahn ohne Komfort, ohne moderne Technik und mit einem leichten Gefühl von: „Das hat doch jemand aus Spaß gebaut, oder?“. Auf zwei Seilen wird die Kabine getragen und ein mittleres Seil zieht sie hoch und gleitet die Kabine herunter. Wir steigen ein, die Tür wird geschlossen, und plötzlich schweben wir über das Tal Jardin entgegen. Und während wir so dahingleiten denken wir: Das ist entweder genial oder komplett verrückt. Wahrscheinlich beides.

Nach unserem Abenteuer kommen wir mitten hinein in eine Oster – Procession und lassen einfach die Bilder sprechen.
Oster Procession




Letzter Tag Jardin
Wir kaufen ein um einige Zeit versorgt zu sein. Dann geht es in das begrünte Café für Cappuccino und Schokokuchen, denn danach hat es mich absolut gelüstet. Unsere Bewegung erlangen wir locker mit dem „Zum Campingplatz“ laufen und wieder in die Stadt, denn am Abend gönnen wir uns ein letztes Essen in der Toscana.


Am Morgen geht es weiter und wir wählen eine Strecke, die uns 100 km einspart. So planen wir. Aber es kommt mal wieder anders als wir denken. Schmutziger, aufregender und dazu teurer.
Aber erst mal der Reihe nach. Die Rumpelstrecke wird von Mal zu Mal schlechter. Genau an den Streckenabschnitten, deren Hänge gerodet wurden. Die Piste war einspurig und oft mit brauner Brühe gefüllten Wasserlöchern ausgepflastert und extrem matschig. Und wie soll es anders sein, es kommt uns ein schöner bunter und breiter Bus entgegen, eine Chiva. Er fährt rückwärts bis er denkt, hier schaffen wir es aneinander vorbei. Andy fährt sehr weit in den grünen Streifen und noch ein Stück weiter bis uns ein zu hoher Hügel ausbremst und schon stecken wir im Schlamassel. Rechts hat sich die Emma eingegraben und mit den Abschleppversuchen des Busses wird die Lage noch schlimmer und Emma sitzt tiefer und schräger im Lehm. Der Bus hatte zu wenig Kraft. 100 m weiter rückwärts war eine breite Stelle und wir hätten aneinander vorbeigepasst. Wir beschlossen, dass ich in der Chiva mitfahre und Hilfe organisiere und Andy will Schaufeln. Ich muss bis Jardin die 24 km auf dieser Piste wieder hinunterfahren. Eine besorgte Familie war sehr fürsorglich und hilfsbereit. Sie haben unterwegs für uns, als es wieder Netzverbindung gibt, einen Baggerfahrer organisiert, der zur Hilfe eilt. Für mich blieb nichts anderes, als in Jardin die Pause abzuwarten und dieselbe Strecke mit demselben Bus wieder hochzufahren. Zittrige Hände und die große Frage in mir: Kommen wir ohne größeren Probleme und ohne weiteren Schaden wieder raus aus dem Dilemma?
Nach drei Stunden komme ich wieder oben an und die Emma steht wieder im Lot auf der Piste. Jetzt fällt erstmal die ganze Anspannung von mir ab. Das Baggerteam hat die Bergung perfekt umgesetzt. Zuhause hätten wir das nicht für 160 € bekommen.
Andy hat gewinnbringende Vorarbeit geleistet und die Emma von den Lehmhaufen befreit. Da wäre der Bagger nicht herangekommen. Sein Lohn: Blasen an den Händen und ein geschundener Körper.
Der Rest verrichtet der Bagger in atemberaubender Geschwindigkeit: Das Abgraben des blockierenden Haufens an der Vorderachse um Emma vorwärts herauszuziehen. Nur mit der Baggerschaufel, seinen Stützen und der Kette wird Emma sanft mit der Hydraulik herausgezogen.
Nun noch ein paar Bilder zur Veranschauung.






Viel Handarbeit das köstlich mundet
Was für ein Glück auf diesem Platz zu stehen. Absolute Ruhe und viele Vögel sowie Kaffeebäume um uns herum und sehr freundliche und zugewandte Menschen. Sie haben sich schon bei unserer Ankunft riesig gefreut. Nach einer warmen Dusche, einer köstlichen Pizza, einem hervorragenden Cappuccino und eigenen Erkundungsgängen buchen wir unsere dritte Kaffeetour. Und diese von Johan war die bisher beste und anschaulichste. Er zieht seine Miniatur- Gegenstände aus der Tasche und erklärt uns anhand Mini- Körbchen, LKW, Container, Kaffeesäcke und Kaffeebohnen (real) den Prozess vom Keim bis zum Versand.
120 Tonnen Kaffee werden hier jährlich zum Versand produziert. Die unterschiedlichsten Geschmackrichtungen erlangt man durch die unterschiedliche Bearbeitung. Doch alle Bohnen haben eins gemeinsam: Sie werden getrocknet und fermentiert. Nur beim Waschen und in der Dauer des Fermentierungsprozesses ( ob 24 oder 72 Stunden fermentiert) macht im Geschmack den Unterschied. Auch werden die Bohnen vor der Bearbeitung ausgelesen. Wusstet ihr, dass wenn Kaffeebohnen mit Schale im Wasser aufsteigen, also oben schwimmen, von schlechter Qualität sind. Diese bleiben dann im eigenen Land. Wir probieren die unterschiedlichen Kaffeesorten und haben schon einen Favoriten. Agua Bonita!
Hier auf der Hacienda Valencia ist Kaffee nicht nur ein Getränk, sondern eine Lebenseinstellung. Seit über 120 Jahren gibt es diese Farm.
Johan, unser gutgelaunter Guide, erklärt uns, dass guter Kaffee Zeit braucht. Viel Zeit und Geduld.
Vom Keim bis zur ersten Ernte dauert es 3-4 Jahre. Nun geht es los durch die Plantagen. Kaffeepflanzen soweit das Auge reicht. Johan zeigt uns die Kaffeekirschen – rot, reif, hübsch. „Nur die Perfekten pflücken!“, sagt er. Wir pflücken und merken schnell: Perfekt ist hier nicht „ungefähr rot“, sondern „Feuerwehrrot“. Alles andere bleibt hängen. Unsere Ausbeute? Naja…sagen wir, wir würden als Kaffeebauern verhungern.
Dann kommt der spannende Teil: die Verarbeitung. Schälen, fermentieren, trocknen – plötzlich wird klar, warum Kaffee kein 2. Euro – Produkt sein sollte. Jeder Schritt ist Handarbeit, Geduld und ein bisschen Magie. Vor allem die Fermentation riecht… sagen wir mal… interessant. Eine Mischung aus „hm, spannend“ und „ist das noch gut?“. Die unterschiedliche Bearbeitung schmeckt auch anders. Kaffee ist nicht gleich Kaffee. Das hier ist ein Prozess, ein Handwerk, ein kleines Kunstwerk.
Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, gleich mehrere Packungen zu kaufen. Völlig überzeugt davon, dass wir zu Hause genau denselben Geschmack hinbekommen werden (werden wir nicht!)
Fazit: Die Kaffeefarm Venecia ist nicht nur ein Ort, an dem Kaffee wächst. Es ist ein Ort, an dem man versteht, warum Kaffee mehr ist als nur ein Wachmacher. Und ja – wir werden nie wieder achtlos eine Tasse Kaffee trinken.









Solento, wieder ein Ort mit Mut zur Farbe
Wir werden vom Navi mit unserer Emma mitten auf den Dorfplatz von Salento navigiert und kommen wegen aufgerissener Straße nicht auf den Campingplatz unserer Wahl. Zum Glück finden wir Ersatz. Doch erstmal rückwärts an sehr enger Stelle manövrieren.
Dann geht es zu Fuß mitten hinein ins Herz Solentos.
Wir fragen uns kurz, ob wir aus Versehen in ein lebendig gewordenes Postkartenmotiv gestolpert sind. Häuser in allen Farben, die selbst ein Regenbogen neidisch machen würden, Balkone mit Blumen und irgendwo spielt immer jemand Musik. Willkommen in Salento – dem Ort, an dem „mal kurz schauen“ zuverlässig in „oh, schon wieder drei Stunden rum“ endet.
Wir schlendern die Calle Real entlang, eine charmante Fußgängerzone an deren Ende wir auch über Treppen auf einen Aussichtspunkt mit Blick über die Stadt gelangen. Auf der Calle Real gibt es alles: Kaffee, Kunsthandwerk, noch mehr Kaffee und Souvenirs über Souvenirs.
Irgendwann setzen wir uns in eines der kleinen Cafés, bestellen natürlich Kaffee und beobachten das Treiben. Touristen versuchen, möglichst lässig auszusehen, während sie zum fünften Mal das gleiche Foto machen und Einheimische plaudern entspannt. Wir sorgen noch bei einem Einkauf für einen vollen Kühlschrank und sind gerade noch rechtzeitig in der Emma, bevor es in Strömen zu regnen beginnt. Am nächsten Tag regnet es immer noch und wir fahren los zu den höchsten Palmen der Welt.











Cocora und die höchsten Palmen
Also starten wir unsere Emma und machen uns auf den Weg ins Cocora-Tal. Dort warten die berühmten Wachspalmen auf uns – den höchsten Palmen der Welt, 50 – 60 m können sie hoch werden. Wir schnüren unsere Schuhe und machen uns auf den 11 km langen Rundweg. Wir stehen vor den Palmen, schauen nach oben, (da kann man fast Genickstarre bekommen) und denken: „Okay, das ist jetzt wirklich absurd hoch.“ Diese Dinger sehen aus, als hätte jemand normale Palmen genommen und sie aus Versehen auf „Stretch-Modus“ gestellt.
Die Wanderung selbst? Ein Mix aus „Wow, wie schön!“ und „Warum haben wir uns das angetan?“ 500m geht es 5 km aufwärts, wir überqueren nicht besonders vertrauenswürdige Hängebrücken, stapfen durch Matsch, der verdächtig entschlossen ist unsere Schuhe für immer zu behalten und werden zwischendurch von unserem ersten gesichteten Andencondor und verschiedensten Kolibris abgelenkt, die so schnell sind, dass wir uns nicht sicher sind, ob wir sie wirklich gesehen haben. Ja, mitten auf dem höchsten Punkt bekommen wir einen Kaffee und Bananenkuchen und direkt neben uns schwirren die Kolibris besonderer Art umher.
Wir schaffen es gerade ins Auto, Strecken die Beine aus und schon fängt es an gewaltig zu schütten, blitzen und donnern- die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen. Glück gehabt!








Ein blauer, windiger Geheimort
Im Regen fahren wir los. Eigentlich wollen wir noch wandern, doch die matschigen Wege und die Naturdusche im Kalten verleiten es uns.
Es geht Richtung Cali, mit einem Stopp am Calima -See. Wir finden einen Platz der ruhig und günstig ist, nur das einzige Hindernis: Ein 2,60m breites Tor. Also Spiegel einklappen und ich lotse Emma mit Andy am Steuer durch. Nur 5 cm rechts und links Platz. Eine haarige Angelegenheit. Endlich stehen wir auf der Wiese mit Blick auf den See und einem Pferd als Nachbarn. Wir merken sofort: Hier fühlt sich Calima plötzlich ein bisschen wie ein Geheimtipp an, den noch nicht alle entdeckt haben. Der Wind streicht uns um die Nase, das Wasser glitzert und auf dem See flitzen die Kiter.
Willkommen am Lago Calima. Heute ist noch viel los, es ist Sonntag.
Schon beim ersten Blick fällt uns auf, dass hier etwas anders ist. Es ist nicht die typische tropische Hitze, die wir aus anderen Regionen kennen. Stattdessen weht ein frischer, fast schon frecher Wind über den See. Genau dieser Wind ist übrigens der heimliche Star dieses Ortes. Er macht den Calima -See zu einem der besten Spots für Kitesurfen und Windsurfen in ganz Kolumbien.
Wir schlendern am Ufer entlang, beobachten das bunte Treiben und lassen die Stimmung auf uns wirken. Familien picknicken im Gras, irgendwo läuft Musik und aus der Ferne riecht es nach frisch Gegrilltem. Wir setzen uns hin und genießen den Moment. Manchmal ist genau das die beste Aktivität. Doch es gibt viel zu entdecken und so geht es weiter. Was den Calima -See besonders macht, ist diese Mischung aus Ruhe und Action. Man kann hier genauso gut einen entspannten Tag verbringen und einfach aufs Wasser schauen. Und genau das lieben wir. Diese Freiheit, nichts tun zu müssen und alles zu können. Natürlich gibt es Ausnahmen, eine Reparatur oder das Auslaufen des Visas. Doch wir haben noch Zeit.
Als die Sonne langsam untergeht und den Himmel in Orangetöne taucht, wird es plötzlich stiller. Der Wind legt sich ein wenig, das Wasser wird ruhiger und wir denken: Warum kennt diesen Ort nicht mehr Touristen? Nur am Wochenende wird er von Einheimischen in Beschlag genommen. Vielleicht ist es besser so. Dann bleibt er noch ein bisschen länger unser kleiner Geheimtipp.











Mit diesem See verabschieden wir uns bei euch. Bleibt gesund und zuversichtlich. Wir melden uns wieder mit tiefer Tradition, Krankenhaus und Werkstatt.